“Guilty Dressing”- oder: was wir irgendwie mit schlechtem Gewissen tragen

Farben

Pelz – wenn auch fake

Ein Freund hat mich mit einem interessanten Geständnis auf ein bedenkenswertes Phänomen aufmerksam gemacht: es gibt Kleidungsstücke (und ich rede jetzt nicht von irgendwelchen unter fragwürdigen Arbeitsbedingungen gefertigten Trendteilen- das ist ein ganz anderes Thema), die wir gerne tragen (würden) und die eine besondere Faszination auf uns ausüben, in denen wir aber ungern gesehen werden, weil wir uns aus irgendeinem Grund dafür schämen und/oder genieren. Bei diesem Freund sind das Lederjacken (er ist Vergetarier mit Hang zu Veganismus) und alte Armeemäntel (ich nehme an, er ist Pazifist). Lederschuhe würden ihm wahrscheinlich nicht dieselben Skrupel bereiten und diese Armeesachen sind ja auch teilweise wirklich praktisch, funktional und schön- trotzdem…

Mir geht es ein wenig so mit dem Kunstpelzteilen, die ich so gerne trage. Ich fürchte mich immer davor, die Leute könnten denken, sie wären echt (und vor kurzem bin ich auf einer Parade das erste mal deswegen beschimpft worden – warum ich ein totes Tier um den Hals trage). Noch schlimmer: vor ein paar Wochen war ich sogar in Versuchung, mir in einem Second Hand Laden einen echten Pelzkragen zu kaufen (wahrscheinlich Fuchs, aber ohne Kopf und Pfoten)- hab mich sogar bei dem ganz und gar unfeinen Gedanken erwischt, meine Freunde hätten sich inzwischen daran gewöhnt, dass ich falschen Pelz trage, die würden gar nicht merken, dass es ein echter ist. Nun ist der Fuchs schon lange tot und hatte wahrscheinlich ein freies gutes Leben und ich esse ja sogar Wild. Trotzdem würde ich mich mit einem solchen Kragen irgendwie schuldig fühlen.

Welche Kleidungsstücke es sind, mit denen wir nicht “erwischt” werden sollen, ist wahrscheinlich ja nach Kultur und Subkultur anders. In den USA ist Cultural Appropriation beispielsweise ein großes Thema (siehe zum Beispiel hier), ich hätte nicht das Gefühl , dass man sich hierzulande allzuviel Gedanken darum macht. Andersherum ist Military und Camouflage in den USA kein Problem, in Deutschland udn Österreich aber für viele durchaus ein Fall von “guilty dressing”. Ja und dann gibt es den großen Bereich der Kleidung aus Tieren/tierischen Produkten (Seide ist da auch so ein  Thema). Oder vielleicht auch der sexy oder trashigen oder romantischen Kleidung, die man insgeheim mag, aber sich nicht damit nach draußen traut.

Habt Ihr das auch, Kleidung, die Euch  an Euch gefällt, die Ihr Euch aber schämt zu tragen? Und wie geht Ihr damit um? Ich bin sehr gespannt!

Advertisements

7 thoughts on ““Guilty Dressing”- oder: was wir irgendwie mit schlechtem Gewissen tragen

  1. Ich trage Pelz – alten Pelz vom Flohmarkt. Für mich macht das Alter hier sehr wohl einen entscheidenden Unterschied. Ich würde niemals neuen Pelz kaufen, aber Pelz ist ein wundervolles, hochwertiges, wärmendes (was in unseren Breitengraden nur selten als Argument zählt), langlebiges und edles Material. Für unsere Großeltern war der Pelz ein echtes Luxusgut, wurde lange erspart und innig geliebt – ich finde es zu schade, wenn dies nun so abwertend gesehen und entsorgt wird. Gerade weil ein Tier dafür sterben musste, sollte man die alten Pelze nicht verteufeln, sondern nutzen und wertschätzen.

    Ich weiß aber das viele ein Problem mit Pelz haben und ja, ich habe daher auch ab und an ein mulmiges Gefühl, aber bislang zum Glück noch keine Probleme damit. Manchmal finde ich es aber schon sehr besorgniserregend mit welcher Wut und Abscheu Menschen, die angeblich tierlieb sind, dann auf andere, fremde Menschen losgehen.

    • Vielen Dank für Deinen ausführlichen Kommentar und Deine Gedanken und Erfahrungen zum Tragen alter Pelze. Du hast vollkommen Recht, wegwerfen zeugt auch nicht von Wertschätzung. Und wenn ich so ein altes Teil kaufen würde, heißt das ja wahrscheinlich nicht, dass die nächste, die es dann nimmer kaufen kann, sich eine neues kauft. Aber mir wäre unwohl und die Erfahrung mit dem mulmigen Gefühl teilst Du ja auch. Interessant dabei, dass viele, die Pelze ablehnen, Lederschuhe tragen würden, obwohl nicht jedes Pelztier schlechter gehalten oder grausamer getötet wird, als Rinder, von denen Leder in der Regel stammt. Bin gespannt, welche Entwicklung es da bei mir noch gibt
      Liebe Grüße
      Frl. Notter

  2. Kleidung hat eine Botschaft, da kann man nun mal nichts machen. die meiste Kleidung hat keine besondere Botschaft, außer dass man eventuell gut angezogen ist, im Sinne von Harmonisch oder eben knallig und ungewöhlich. Leute im Military-Look oder Camuflage sehe ich schon eher als gewaltbereit an, als Leute in feinen Stoffhosen, da kann ich gar nichts gegen machen. Das heisst jedoch nicht, dass ich die Menschen darauf anspreche oder das kommentiere. Ebenso mit Pelzen. Ein schön gearbeitetes Teil aus Pelz, vor allem aus Vintage Pelz finde ich sehr schön, meist kleidet sich die gesamte person dann sorgsam und elegant – ein Augenschmaus. Da habe ich echt mehr innerliche Probleme mit den billig plaste-Klamotten, die nach zwei dreimal tragen entsporgt werden. letztlich ist es das Gesamtbild das zählt und auch die Botschaft vermittelt. Kleidet sich jemand mit Bedacht, Sorgfalt und Eleganz (dann auch gern mit einem Military-Teil) oder nur schnell schnell und vor allem im HInblick auf die eigene Bequemlichkeit (Joggingshosen – Grusel!). Ich habe einen Pelzkragen aus Fuchs, vor ca. 6 Jahren gekauft – leider wird er nur selten getragen, weil mir die Haare von dem Pelz immer in den Mund kommen … LG Kuestensocke

    • Vielen Dank für Deinen ausführlichen Kommentar! Ja, das mit der Botschaft von Kleidung ist ein Thema, das mich auch immer wieder beschäftigt. Ich finde es eigentlich eine schöne Sache, dass wir auch über unsere Kleidung kommunizieren (und da gilt in besonderem Ausmaß “wir können nicht nicht kommunizieren”- nackt ist nämlich selten eine Option ;-)) wenn auch ein wenig anstrengend.
      Interessant wird es da, wo wir etwas nicht nach außen kommunizieren wollen, was uns aber eigentlich und insgeheim ganz gut gefällt. Das mag dann daran liegen, dass es eine nicht intendierte Botschaft hat, die über das Ästhetische hinausgeht (Leder und Pelz sind schön aber eben vom Tier) aber vielleicht manchmal auch daran, dass wir mit uns selbst uneins sind, wie wir etwas finden, dass wir selbst sozusagen eine dunkle Seite haben. Dann wäre solches “sich für Kleidung schämen” ein Zeichen, dass da irgendwo persönliche Weiterentwicklung ansteht.

  3. Mein Problem liegt auch bei (Pelz,) Seide und Leder, das ich noch von früher habe, aber ich denke mir, lieber trage ich das alte noch, als es wegzuschmeißen (eigentlich sind es eh nur drei, vier paar Schuhe), ich kaufe eben nichts mehr in der Richtung.
    Aber das Thema Cultural Appropriation geht mir auch nahe, ich finde es nur schwer die Linie zu ziehen und es zu definieren. Zudem gibt es ja kaum Menschen hier, die mit dem Thema was anfangen können, da es eben so unbekannt bei uns ist.
    Allerdings muss ich sagen, ich fühle mich auch oft schlecht, wenn ich eine Jogginghose trage – ich finde die schrecklich und trage die auch nur daheim. Die passen so gar nicht zu mir, aber ich komme auch nicht dazu, mir bequeme, “schicke” Kleidung für zuhause zu kaufen/nähen. 😀
    Liebe Grüße
    Kathi

    • Liebe Kathi,
      vielen Dank für Deinen langen lieben Beitrag! Bist Du Vegetarierin oder Veganerin? Ich kann verstehen, dass Du dann Probleme mit Leder und Seide hast. Auch wenn man selbst weiß, dass Wegschmeißen keine sinnvolle Option wäre, ist es vielleicht doch schwierig dazu (darin ;-)) zu stehen.
      Interessant finde ich Deinen Punkt mit der Jogginghose. Man kann sich natürlich auch für die eigenen Nachlässigkeit in Sachen Kleidung schämen, das kenne ich auch gut. Da hat man immerhin nicht das Problem, dass man das eigentlich irgendwie toll findet, aber sich damit eben nicht raustraut.
      Und ich glaube cultural appropriation wäre nochmal einen ganz eigenen Beitrag wert.
      Ach, so viele spannende Themen, vielen Dank fürs Mitschreiben!
      Liebe Grüße
      Frl Notter

      • Vegetarierin, auch wenn ich gerne vegan leben würde, das schaffe ich einfach (noch) nicht ;). Ja, genauso meine ich das.
        Stimmt, wobei ich eigentlich auch kein (wirkliches) Problem hätte damit das Haus zu verlassen, aber es einfach generell unschön finde. 😉 Naja, ich hoffe, dass ich da in den nächsten Wochen was gegen tun kann.
        Das wäre sicher spannend, würde gerne mehr von dir zu solchen Themen lesen.
        Liebe Grüße und danke für die Inspiration, da wieder drüber nachzudenken.
        Kathi

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s