Ja, sogar in der Fußgängerzone!- Eine Verteidigung der Outdoorjacke

Frl. Notter in ihrer Jugend in einer Outdoorjacke

Frl. Notter in ihrer Jugend in einer Outdoorjacke

Ich weiß nicht, wie`s Euch geht, mir begegnet in der Nähszene oft eine nahezu radikale Ablehnung des Tragens von Outdoorjacken in Gegenden südlich des (nördlichen) Polarkreises und unterhalb von tausend Metern. Man belächelt die Trägerinnen und Träger derselben und sagt ihr selbst gar den Kampf an, sollte sie sich aus dem ihr zustehenden Terrain beispielswiese in eine städtische Fußgängerzone wagen. Auch diverse Medien wie zum Beispiel die ZEIT oder der Tagesspiegel gefallen sich im Herabsehen auf arme Kreaturen, die offensichtlich vom Mount Everest träumen aber über den Stadtwald nicht hinauskommen.

Tatsächlich passt eine Outdoorjacke nicht unbedingt super zu einem hübschen Kleid oder einem normalen Businessoutfit. Ein klassischer Wollmantel in einer etwas zurückhaltenderen Farbe (oder in rot, warum nicht?) ist da sicher die stilvollere und hübschere Wahl. Aber seien wir ehrlich: auch wir sind nicht immer passend und stilsicher angezogen (also ich sicher nicht). Und es hat im Grunde auch subversives Potential, zu sagen: “Ist mir wuscht, obs passt, ich hab das Ding jetzt, es ist warm und ich brauch nicht noch irgendein Kleidungsstück, das in irgendeiner asiatischen Fabrik unter miesen Bedingungen gefertigt wurde, nur weil mir das irgendwelche Modefritzen oder selbsternannten Stilpäpste einreden wollen.”

Aber mir geht es noch um einen anderen Punkt: Kleidung ist doch in den seltensten Fällen einfach nur ästhetisch und funktional angemessen. Sie transportiert doch immer auch Träume, mögliche Welten, (un)mögliche Identitäten. Mir ist vollkommen klar, dass ich keine russsische Prinzessin bin, und auch nie Monate in einem Lungensanatorium verbringen werde, ohne wirklich krank zu sein.  Und ich bilde mir auch nicht ein, irgendjemand würde glauben, dass ich direkt nach der Arbeit zu meinem Pferd fahre mit meinem Tweedsacko und meinen “Reiterstiefeln”. Trotzdem genieße ich es, ein wenig Prinzessin zu spielen mit meinem ausgestellten Mantel und meinem (falschen) Pelzkrägelchen. Inszenierung und “als ob” sind für mich zentrale Elemente von Stil und Mode und der Grund, warum das alles mit dem Gewand (österr. für Kleidung) so großen Spaß macht. Das ist immer ein klein wenig peinlich aber auf grandiose Art und Weise schön.

Was mich zurück zu den Outdoorjacken in der Fußgängerzone führt: was wäre, wenn sie gar nicht Inbegriff von Einfallslosigkeit und Wurschtigkeit wären (die für mich wie gesagt auch ihre Berechtigung haben, schließlich gibt es wichtigeres auf der Welt als Kleidung) sondern ein Symbol für all das, was jemand auch noch ist (Alpenvereinsler, Bergsteiger, Naturfreund – vielleicht findet sich in der Tasche sogar noch ein Stein, Pflaster (ach was, wofür braucht ein echter Mann ein Pflaster ;-)) oder ein angebissener Müsliriegel, der einen an diese tolle Tour von vor zwei Wochen erinnert) oder auch nur gerne wäre (Stichwort: Himalaya)? Warum gestehen wir uns dieses “als ob” zu, anderen jedoch nicht?

Ich verstehe sie schon, meine Nähkolleginnen, die was gegen die Funktionsmode haben, ich verstehe sie eigentlich sehr gut. Ich bin schließlich auch eine, die bei Tweedrides mitfährt, um zu demonstrieren, dass man beim Radfahren keine Funktionsklamotten braucht. Und vor allem: ich würde mir auch manchmal wünschen, in den Fußgängerzonen mehr Mäntel, Hüte, Kostüme, schöne Kleidchen, Budapester, Einstecktücher, Tweedsackos, Handschuhe und ausgestellte Röcke zu sehen. Aber nicht, weil alles andere meine Auge beleidigen würde oder so ein Unsinn, sondern weil ich mir erstens mehr Vielfalt wünsche und zweitens nicht so angestarrt werden möchte, wenn ich mich anders kleide. Aber gerade wegen dieser Vielfalt sollten wir uns über alle freuen, die anziehen, was sie glücklich macht!

Nachtrag: Ich besitze selbst zur Zeit keine solche Jacke (das Bild oben ist schon ein paar Jährchen alt, wie man sicher sieht) aber vielleicht, vielleicht kaufe ich mir bald so eine. Und dann werde ich sie auch in der Stadt tragen, sollte es mir mal danach sein.

 

Advertisements

9 thoughts on “Ja, sogar in der Fußgängerzone!- Eine Verteidigung der Outdoorjacke

  1. Ein schöner Artikel. Ich finde, die Outdoorkleidung muss salonfähig werden! 🙂
    Ein sehr gelungenes Foto übrigens. 🙂

  2. Ich habe eigentlich gar nichts gegen solche Jacken, bei mir bietet es sich nur nicht an, da ich einfach nicht der Wander oder Rad-Tour-Typ bin und spazieren gehe ich dann im hübschen Mäntelchen. 😀 Mir war diese Abneigung gegen Outdoor-Jacken vollkommen unbewusst, um ehrlich zu sein. Es gibt ja inzwischen auch recht hübsche Modelle (boden hat da sehr nette).
    Aber so eine Fußgängerzone, wie du sie beschreibst wäre ja mal ein Traum. ♥
    Liebe Grüße
    Kathi

    • Liebe Kathi,
      Ja vielleicht habe ich da auch eine falsche Wahrnehmung. Kann mich halt an einen Blog und ein paar Blogpostings erinnern, in denen es explizit darum ging, dass man ja in der Fußgängerzone und bei anderen harmlosen Aktivitäten keine solche Jacke braucht.
      Ja gell, so eine Fußgängerzone wäre schön, Wir würden da jede freie Minute im Straßencafe sitzen und schauen ( nicht starren) und uns inspirieren lassen.
      Liebe Grüße
      Frl. Notter

      • Achso, ja, kann auch sein, dass ich es nicht wahrgenommen habe (ich folge nur wenigen Nähblogs, wenn ich so darüber nachdenke). Aber, das ist ja wirklich blöd, jeder sollte doch tragen, was er möchte und passend findet. (:
        Ach, ja, das würden wir. 😀
        Liebe Grüße

  3. Liebes Frl. Notter,
    also eine Outdoorjacke wird man an mir auch eher niemals sehen, deinen Artikel finde ich trotzdem sehr gelungen! Jeder soll doch bitte tragen, was ihm gefällt! Deinen Gewand Gedanken gefallen mir sehr, liebe Grüsse, Nadine

  4. Ganz ehrlich: Outdoor-Jacken sind warm, praktisch und wind-und-wetterfest. Und sie sind schön bunt! Ich mag sie und habe immer eine für schlechtes Wetter, denn wenn bei Schneeregen der Wollmantel erst einmal vollgesogen ist, wird der in einer Woche kaum trocken!
    LG, Stefanie.

    • Das find ich super, dass sich hier auch noch eine Befürworterin mit Erfahrungen aus erster Hand zu Wort meldet! Ja, das ist das Gute an Funktionsjacken, dass sie ihre Funktion eben meist wirklich gut erfüllen- wobei ich auch immer wieder erstaunt bin, wie gut reine Wolle eigentlich “funktioniert”- bis zu einem gewissen Ausmaß eben…
      Liebe Grüße
      Frl. Notter

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s