Weihnachtskleid Sew-Along Teil 2: So, ich habe Stoff gekauft und jetzt?

Stoffe

Stoff (lila), Futterstoff (pink) und Pelzchen

Inzwischen habe ich es immerhin ins Stoffgeschäft geschafft. Die Eisprinzessin (sprich Vogue 8997) soll es werden: aus dunkelila/auberginem Stretchsatin, mit Ärmeln, ausgestelltem Rockteil und einem Vokuhila-Saum. Letzteres scheint sich allerdings als ziemlich schwierig zu erweisen, und die nette Dame im Stoffgeschäft hat mir im Grunde davon abgeraten. Das Problem: man sieht dann hinten den Rock von innen- inklusiver aller Saumzugaben. Oder den Unterrock, und wie der unten gesäumt ist und der Hauptrock auch. Außer man verstürzt den Rock mit dem Unterrock, wovon mir die Dame im Stoffgeschäft abgeraten hat, die beiden Stoffe würden sich unterschiedlich verhalten, das würde nicht schön, man müsste viel handnähen.

Was mach ich denn jetzt? Aufgeben und einen geraden Saum? Oder kann mir jemand von Euch mit einer guten Idee weiterhelfen?

Davon abgesehen, dass ich gar nicht weiß, wie ich zu einer schönen Saumlinie komme. Kennt da jemand eine Anleitung?

Immerhin habe ich einen schönen kontrastfarbenen Futterstoff ausgesucht, den ich mir auch vorscheinend vorstellen kann (mit gelb, wie ich es ursprünlich vorgehabt hatte, hab ich es mir auch angeschaut, aber das war mir dann doch zu heftig). Und ich hab ein Kunstfellstückchen gefunden. Allerdings bin ich mir nicht so sicher, ob ich damit nicht aussehe wie die Nikolausine.

Jetzt gehe ich erstmal in Ruhe schauen, wie es den anderen mit ihren Weihnachtskleidern so geht.

Memento mori …und die Bucket -List

Totensonntag

Grabplatte auf dem Zentralfriedhof, Wien

Vorbemerkung: während es im letzten Posting, dem über Komplimente, zumindest noch am Rande um selbst Genähtes ging, hat das hier gar nichts mit Nähen und auch nichts mit Stoffen und Textilien zu tun. Wer hauptsächlich deswegen hier ist,  der/die möge stattdessen auf das morgige Posting zum Weihnachtskleid Sew Along warten.

Seitdem ich in einer katholischen Gegend lebe, bekomme ich das nicht mehr so mit, aber morgen ist Totensonntag. Wenn man sich da an die Toten erinnert, dann ist man zwangsläufig auch damit konfrontiert, dass man selbst nicht ewig leben wird, konfrontiert mit den schrecklichen Ereignissen von Paris, selbst in einer Großstadt lebend, gerade jetzt umso mehr. Bei mir dazu gekommen ist ein seltsames Phänomen (und das erzähle ich hier, weil mich hier niemand kennt ;-)): ich hatte ein einige Tage lang ein Zucken an der Oberlippe. Sowas ist in den allerallermeisten Fällen total harmlos aber in ganz ganz seltenen Fällen kann es auch der Vorbote einer schweren Nervenkrankheit wie ALS sein. Und da ich einen leichten Hang zur Hypochondrie habe, habe ich mich gefragt, was wäre, wenn ich diese Krankheit hätte und nun entsprechend erfahren würde, dass ich nurmehr 3-5 Jahre zu leben hätte. Was würde ich tun?

Da sind mir dann schon eine Dinge eingefallen, die ich dann noch würde tun wollen würde. Und die habe ich mir notiert. Und noch beim Aufschreiben dachte ich: Mensch, was machst Du da eigentlich? Das ist ja im Grunde eine Bucket-List und sowas wollte ich ja nie, das fand ich eigentlich immer ein wenig blöd.

Warum ich Bucket-Lists doof finde?

Also zunächst mal für alle die keine Life-Style-Blogs lesen: Eine Bucket-List ist eine Liste von Dingen, die man machen will, bevor man stirbt (“to kick the bucket” ist so etwas ähnliches wie “ins Gras beißen”). Glaubt man den Bucket-Lists, die so im Netz herumgeistern, besteht die Essenz allen menschlichen Strebens im Schwimmen mit Tieren, im Besuchen verschiedener touristischer Ziele und im Veröffentlichen von Büchern. Es ist super, wenn man sich was vornimmt und Spaß hat im Leben. Finde ich auch, und wem eine Bucket-List dabei hilft: go for it!

Ich hab da was mich betrifft meine Vorbehalte

  • Eine Bucket-List ist eine to-do-Liste. Eine to-do- Liste ist eine hilfreiche Sache, wenn man viele Dinge tun  muss, z.B. in der Arbeit oder um ein bestimmtes Ziel zu erreichen. In allen anderen Lebensbereichen will ich nichts mit to-do -Listen zu tun haben, schon gar nicht will ich mein Leben als Ganzes anhand einer solchen abarbeiten.
  • Ich habe auch Träume. Aber die ändern sich. Vor ein paar Jahren wäre auf meiner Bucket-List sicher noch eine Japanreise gestanden. Wüsste ich jetzt, ich müsste sterben ohne in Japan gewesen zu sein, ich wäre nicht besonders traurig.
  • Ich würde nur Dinge auf eine Bucket-List schreiben wollen, die eine gewisse Dringlichkeit haben. Wenn sie die aber haben, dann tu ich sie gleich oder zumindest bald, ich nehme mir nicht vor, sie in den nächsten 20 oder 50 Jahren irgendwann zu tun.

Warum habe ich dann aber so eine Liste gemacht?

Die Liste, die ich geschrieben habe, war unmittelbar von dem Gedanken inspiriert, was ich tun würde, wenn ich nur noch kurz zu leben hätte: welche Dinge sind noch wichtig, welche noch “offen”? Und zwar wichtig und “offen” für mich als die Person, die ich jetzt bin. Gedacht habe ich mir beim Schreiben nicht viel, aber danach ist mir etwas wichtiges für mich klar geworden: wenn das alles (oder zum Großteil) Dinge sind, die mir wirklich wichtig sind und wenn ich es doch nicht undenkbar ist, dass ich nicht erst in 50 sondern vielleicht schon in 10, 5 oder einem halben Jahr sterbe (memento mori), dann sollte ich diese Dinge jetzt tun, oder doch zumindest so bald wie möglich.

Um das tun zu können, ohne gleichzeitig all das zu vernachlässigen, was man nicht vernachlässigen darf, wenn man davon ausgeht, dass man wahrscheinlich doch ein Weilchen länger leben wird, muss man sich auf ein paar wenige wirklich wichtige (oder einfach zu realisierende) Dinge beschränken. Und so habe ich mir ein paar Dinge für die nächsten Monate vorgenommen und bin schon ganz aufgeregt, was ich davon wie realisieren können werde (und auch, was in ein paar Tagen schon wieder so unbedeutend geworden ist, dass ich es wohl doch nicht tun muss).

Eine Sache habe ich schon gemacht und da war nicht der Gedanke leitend, dass ich sterben könnte, sondern eine andere Person (die, die es betraf, ist deutlich älter). Meine Oma ist vor 2 Jahren gestorben und es gibt so viel, was ich ihr gerne noch gesagt hätte oder gerne noch für sie getan hätte, und ich möchte, dass ich nie mehr jemandem in dieser Form so viel schuldig bleiben muss. In sofern ist die Liste nicht nur inspiriert von einem  “Mensch bedenke, dass Du sterben musst”, sondern vor allem auch vom Gedanken daran, dass andere Menschen , die einem etwas bedeuten, nicht ewig leben werden

Ich hoffe ich habe Euch mit diesen Gedanken jetzt nicht traurig gemacht und wünsche Euch einen schönen Sonntag (was auch immer er für Euch bedeutet).

 

 

 

Über Komplimente

sich schön machen (Styling für eine 20er Party)

sich schön machen (Styling für eine 20er Party)

Auf anderen Nähblogs lese ich ab und an den Satz “Für dieses Kleid habe ich viele Komplimente bekommen”. Ich weiß nicht wie es Euch geht, aber ich bekomme in der realen Welt (im Netz und vor allem in der Nähbloggerinnenwelt ist das schon anders) sehr selten Komplimente für mein Genähtes oder auch ganz allgemein. Das wird an meinen Nähfähigkeiten liegen oder meinem (mangelnden) Stilgefühl oder auch an meinen ungekämmten Haaren, ich glaube aber, dass es auch daran liegt, dass Komplimente für die potentiellen Geber (und Geberinnen) ganz schön tricky sein können. Also nehmen wir die schwierigste Situation: der potentielle “Geber” ist männlich, die Empfängerin ist weiblich, sie ist ihm aufgefallen, weil sie (heute) einfach umwerfend aussieht, er kann nicht einmal genau ausmachen, woran das liegt, er würde ihr das gerne sagen, hat aber Angst, es könnte so aussehen, als wollte er sie angraben- noch dazu auf eine ganz billige Weise. Sehr, sehr verständlich, dass er lieber nichts sagt. Was eigentlich sehr schade ist. Denn sie hätte sich wahrscheinlich gefreut, wahrscheinlich sogar sehr. Vielleicht hätte sie aber genau dieses Gefühl: dass er sie anmachen will. Und vielleicht wäre das ganz furchtbar unangenehm oder unpassend. Echt schwierig.

Es gibt Situationen, die sind vermeintlich leichter. Wenn Gebende(r) und Empfangende(r) demselben Geschlecht angehören oder sonst irgendwie klar ist, dass sie als Partner nicht füreinander in Frage kommen (z.B. weil der/die Gebende gar nicht auf Personen des anderen Geschlechts steht). Oder wenn das Kompliment ganz klar aufs Kleidungsstück bezogen ist. Was dann wiederum bei selbst genähten Kleidungsstücken heikel ist: “Oh das ist interessant, ist das selbst genäht?” kann ein großes Kompliment sein, aber auch ein Hinweis auf es schiefe Säume und heraushängende Fäden.

Und es ist eben auch sonst keine “sichere Bank”, anstatt Komplimente über das Aussehen eines Menschen insgesamt zu machen, sich auf einzelne Kleidungsstücke zu beschränken. Konkretes Beispiel: schon seit Monaten fällt mir immer wieder ein extrem gut gekleideter Herr auf (das ist nicht einfach ein “Mann”, das ist wirklich ein “Herr”), ich sehe ihn öfter in der Früh an unserem Haus vorbeigehen. Dem würde ich gerne eine Kompliment machen. Einfach nur, damit er weiß, dass mir das aufgefallen ist. Näher kennenlernen möchte ich ihn nicht. Aber was soll ich sagen? Ein generelles “Gut schaun Sie aus!” kommt mir wirklich unangemessen vor. “Schöner Hut!” ist aber auch nicht besser, womöglich glaubt er dann, ich mache mich über ihn lustig. Schließlich weiß er sicher selbst, dass er schöne Sachen und Stilgefühl hat. Ein Kompliment setzt den Gebenden ja in ein spezielles Verhältnis zum Empfangenden, als wisse er selbst besser, was schön und gelungen ist (deswegen ist es auch eine heikle Frage, ob man den eigenen Chef loben darf).

Es gibt Leute, die können alles sagen (z.B. “Du siehst so fesch aus, ich will ein Kind von Dir!”- zu einem Kollegen), und es hört sich nie komisch oder falsch an. Und andere (ich) verzweifeln an der Aufgabe, einem gute angezogenem Mann vor der Haustür ein harmloses Kompliment zu machen. In solchen Dingen bin ich also vielleicht keine besonders gute Ratgeberin. Andererseits schaffe ich es aber meistens schon, etwas zu sagen, wenn mir jemand gefällt und das was er anhat (wenn mir nur die Person gefällt schaffe ich es meistens nicht, aber das ist glaub OK) und ich habe auch schon einem Fiaker ein “Gut schaun Sie aus” zugerufen und einer älteren Dame gesagt, wie wunderbar mir ihr Kleid gefällt (“Aber das ist doch ganz alt” “Vielleicht eben deshalb, damals hat man noch schöne Kleider gemacht”). Und weil ich meistens so positive Reaktionen bekomme, würde ich gerne dafür werben, Mut zum Kompliment zu haben. Wenn es wirklich nur um die schöne Bluse oder das tolle Hemd geht und man nichts weiter von dieser Person will, dann sollte man das doch schaffen, es so rüberzubringen, wie es gemeint ist. Na ja und falls man diese Frau oder diesen Mann ganz generell bezaubernd finden sollte, viel an ihn oder sie denken muss, vielleicht sogar davon ausgehen muss, dass er/sie sich “extra” (nämlich extra für einen) so viel Mühe gegeben hat, ist man dann nicht vielleicht sogar auf gewisse Weise “verpflichtet” etwas zu sagen? Und wer weiß, vielleicht schaffe ich das mit dem harmlosen Kompliment doch noch bei dem Herrn vor der Haustür.

Wie macht Ihr das, wenn Euch gefällt, was eine Person anhaut oder wie sie ausschaut? Macht Ihr Komplimente? Bekommt Ihr Komplimente? Welche freuen Euch, welche sind Euch unangenehm?

Bild: Alfred, digitalisiertes s/w negativ,  vor der 20er Party; vielen Dank Alfred, Deine Fotos sind einfach immer wieder ganz phantastisch

Weihnachtskleid Sew-Along Teil1 : Eisprinzessin oder Salondame?

Juhu, es gibt wieder ein Weihnachtskleid Sew-Along! Während meiner Lungenentzündung habe ich mir geschworen, mich nie wieder durch ein Sew Along stressen zu lassen, aber 1. ein Weihnachtskleid muss ich einfach haben und 2. 6 Wochen sind lange genug, so dass ich das Kleid ohne Stress fertig bekommen sollte.
Ach ja und dann gibt es noch ein 3.: einen wunderschönen Anlass, mein Kleid zu tragen: eine sehr entfernt verwandte Verwandte, die ich trotz der entfernten Verwandtschaft häufiger sehe, feiert ihren Geburtstag in diesem Jahr in Form eines Konzertes, an dem alle Gäste mitwirken sollen (soweit eben möglich). Wir singen und musizieren kurz vor Weihnachten die ersten 3 Kantaten des Bachschen Weihnachtsoratoriums. Ist das nicht eine tolle Idee?! Ich freu mich wie ein Kind auf diesen Anlass und werde sie gleich mal fragen, ob es einen Dresscode gibt. Generell wäre für so einem Anlass natürlich eher ein zurückhaltendes Kleid angemessen (ich werde nur im Chor mitsingen) als wilde Karos und bunter Glitzer. Aber da ich eh nicht der Typ für bunt und Glitzer bin, ist das für mich kein Problem.
Bevors um Schnitte, Farben und Ideen geht, erst einmal der Rückblick auf mein “Weihnachtskleid” des letzten Jahres, das genau genommen gar kein Kleid war sondern eine Kombination aus Rock und Bluse nach historischen Schnitten:

Weihnachts"kleid" 2014

Weihnachts”kleid” 2014

Von vorne sah das gar nicht schlecht aus. Hinten gab es jedoch einige Probleme mit den Verschlüssen, vor allem beim Rock, so dass ich den nach Weihnachten nicht mehr getragen habe. Habe mir dann Hilfe in einem Nähforum für historisches und Kostümnähen geholt und gelernt: da braucht es einen Untertritt! Den habe ich dann eingenäht, jetzt ist es besser und auch Korsett und Unterrock, die ich inzwischen dazu genäht habe machen die ganze Sache deutlich besser. Trotzdem wartet der Rock noch immer auf einen Anlass, ihn wirklich zu tragen. Die Bluse kam immerhin beim Jahrhundertwendepicknick zum Einsatz, aber die ist natürlich auch kein Alltagsstück.

Reformkleid mit Weihnachtskleidbluse

Reformkleid mit Weihnachtskleidbluse

Das sollte mir vielleicht eine Lehre sein, denn eigentlich hatte ich vorgehabt, für mein diesjähriges Weihnachtskleid das Reformkleidprojekt weiterzuverfolgen, das immerhin zu einem vielseitig verwendbaren Sommerkleid geführt hat. Diesmal soll es aber wirklich ein ganz besonderes Kleid werden: entweder aus einem tollen Stoff oder reich verziert, eben wie ich mir eine künstlerisch angehauchte Salondame zur Jahrhundertwendezeit in Wien vorstelle. Nur: sollte ich das wirklich hinbekommen, wäre das sicher kein Kleid für einen Chorsopran und wahrscheinlich auch keines für einen Konzertbesuch oder einen Sonntagsspaziergang.

Aber ich habe ja Alternativen. Im Sommer habe ich mir ein Maxikleid mit Prinzessschnitt (Prinzessschnitt ist super für meine “mittenbetonte”, kurvige Figur, ich sollte nichts anderes mehr verwenden und auch das Reformkleid hätte einen Prinzessschnitt) nach Vogue 8997 genäht, das mir zwar eigentlich viel zu festlich für den Alltag war (wurde teilweise sogar spöttisch kommentiert), das ich aber trotzdem gerne getragen habe. Das könnte ich mir als “Eisprinzessinnenkleid” vorstellen, also mit Ärmeln, ausgestelltem Rock und hinten länger als vorne. Inspiration waren hier die wunderbarer Kleider von Stadtkleid, wobei die noch toller sind, weil die Schnitte noch interessanter sind (vor allem im hinteren rockteil). Aber mit ein wenig (falscher) Pelz oder Spitze oder Stickerei wirds vielleicht aich so das Kleid einer russischen Prinzessin 😉

Prinzessinnenkleid nach Vogue 8997

Prinzessinnenkleid nach Vogue 8997

Ja und schließlich gibt es dann noch das Garniturkleid aus der September- Burda 2014. Das hat auch Prinzessnähte und könnte somit wahrscheinlich relativ leicht auf meine Figur angepasst werden. Lohnen würde sich das für mich allerdings nur, wenns verspricht schöner zu werden als das Vogue-Kleid, was ich im Moment noch nicht sehe. Was meint Ihr? Worin würdet Ihr mich gerne sehen? Oder habt hier vielleicht noch eine ganz andere Idee für einen dramatischen-nostalgischen Prinzess(innen)schnitt für mich?

Ach ja und dann muss ich mir ja noch was zu den Farben überlegen. Also entweder Blumen (am besten altmodische Rosen) auf schwarzem Grund, oder (wenn das wegen der vielen Prinzessnähte blöd aussieht) einfarbig dunkel vielleicht mit einem farbigen Akzent.
Da habe ich vor kurzem was im Park gesehen: aubergine mit gelb wäre super!

Farbinspiration: Aubergine mit Gelb

Farbinspiration: Aubergine mit Gelb

Oder ganz klassich: schwarz mit fake fur.

Farbinspiration: Schwarz mit Pelz

Farbinspiration: Schwarz mit Pelz

Ja, sogar in der Fußgängerzone!- Eine Verteidigung der Outdoorjacke

Frl. Notter in ihrer Jugend in einer Outdoorjacke

Frl. Notter in ihrer Jugend in einer Outdoorjacke

Ich weiß nicht, wie`s Euch geht, mir begegnet in der Nähszene oft eine nahezu radikale Ablehnung des Tragens von Outdoorjacken in Gegenden südlich des (nördlichen) Polarkreises und unterhalb von tausend Metern. Man belächelt die Trägerinnen und Träger derselben und sagt ihr selbst gar den Kampf an, sollte sie sich aus dem ihr zustehenden Terrain beispielswiese in eine städtische Fußgängerzone wagen. Auch diverse Medien wie zum Beispiel die ZEIT oder der Tagesspiegel gefallen sich im Herabsehen auf arme Kreaturen, die offensichtlich vom Mount Everest träumen aber über den Stadtwald nicht hinauskommen.

Tatsächlich passt eine Outdoorjacke nicht unbedingt super zu einem hübschen Kleid oder einem normalen Businessoutfit. Ein klassischer Wollmantel in einer etwas zurückhaltenderen Farbe (oder in rot, warum nicht?) ist da sicher die stilvollere und hübschere Wahl. Aber seien wir ehrlich: auch wir sind nicht immer passend und stilsicher angezogen (also ich sicher nicht). Und es hat im Grunde auch subversives Potential, zu sagen: “Ist mir wuscht, obs passt, ich hab das Ding jetzt, es ist warm und ich brauch nicht noch irgendein Kleidungsstück, das in irgendeiner asiatischen Fabrik unter miesen Bedingungen gefertigt wurde, nur weil mir das irgendwelche Modefritzen oder selbsternannten Stilpäpste einreden wollen.”

Aber mir geht es noch um einen anderen Punkt: Kleidung ist doch in den seltensten Fällen einfach nur ästhetisch und funktional angemessen. Sie transportiert doch immer auch Träume, mögliche Welten, (un)mögliche Identitäten. Mir ist vollkommen klar, dass ich keine russsische Prinzessin bin, und auch nie Monate in einem Lungensanatorium verbringen werde, ohne wirklich krank zu sein.  Und ich bilde mir auch nicht ein, irgendjemand würde glauben, dass ich direkt nach der Arbeit zu meinem Pferd fahre mit meinem Tweedsacko und meinen “Reiterstiefeln”. Trotzdem genieße ich es, ein wenig Prinzessin zu spielen mit meinem ausgestellten Mantel und meinem (falschen) Pelzkrägelchen. Inszenierung und “als ob” sind für mich zentrale Elemente von Stil und Mode und der Grund, warum das alles mit dem Gewand (österr. für Kleidung) so großen Spaß macht. Das ist immer ein klein wenig peinlich aber auf grandiose Art und Weise schön.

Was mich zurück zu den Outdoorjacken in der Fußgängerzone führt: was wäre, wenn sie gar nicht Inbegriff von Einfallslosigkeit und Wurschtigkeit wären (die für mich wie gesagt auch ihre Berechtigung haben, schließlich gibt es wichtigeres auf der Welt als Kleidung) sondern ein Symbol für all das, was jemand auch noch ist (Alpenvereinsler, Bergsteiger, Naturfreund – vielleicht findet sich in der Tasche sogar noch ein Stein, Pflaster (ach was, wofür braucht ein echter Mann ein Pflaster ;-)) oder ein angebissener Müsliriegel, der einen an diese tolle Tour von vor zwei Wochen erinnert) oder auch nur gerne wäre (Stichwort: Himalaya)? Warum gestehen wir uns dieses “als ob” zu, anderen jedoch nicht?

Ich verstehe sie schon, meine Nähkolleginnen, die was gegen die Funktionsmode haben, ich verstehe sie eigentlich sehr gut. Ich bin schließlich auch eine, die bei Tweedrides mitfährt, um zu demonstrieren, dass man beim Radfahren keine Funktionsklamotten braucht. Und vor allem: ich würde mir auch manchmal wünschen, in den Fußgängerzonen mehr Mäntel, Hüte, Kostüme, schöne Kleidchen, Budapester, Einstecktücher, Tweedsackos, Handschuhe und ausgestellte Röcke zu sehen. Aber nicht, weil alles andere meine Auge beleidigen würde oder so ein Unsinn, sondern weil ich mir erstens mehr Vielfalt wünsche und zweitens nicht so angestarrt werden möchte, wenn ich mich anders kleide. Aber gerade wegen dieser Vielfalt sollten wir uns über alle freuen, die anziehen, was sie glücklich macht!

Nachtrag: Ich besitze selbst zur Zeit keine solche Jacke (das Bild oben ist schon ein paar Jährchen alt, wie man sicher sieht) aber vielleicht, vielleicht kaufe ich mir bald so eine. Und dann werde ich sie auch in der Stadt tragen, sollte es mir mal danach sein.