Mode im Museum

Was kann man tun, wenn das modische Highlight der Woche darin besteht, dass die Lieblingsschlafanzughose wieder gewaschen ist? Sich an die modischen Highlights der vergangen Monate erinnern! Und da fallen mir neben gemütlichen Nähstunden und selbst genähten (oder fremd gestrickten) Lieblingsstücken vor allem diverse Museumsbesuche in letzter Zeit ein, die mir erwarteter- oder unerwarteterweise modische, sartoriale oder textile Sternstunden beschert haben. Alle die selbst nähen oder sich für historische Kleidung interessieren, werden die Freude und Aufregung kennen, wenn in einem Museum plötzlich so ein Glaskasten auftaucht mit einem original Biedermeierfrack oder einem Kleid aus der Jahrhundertwendezeit. Dann wird die Nase am Glas platt gedrückt, versucht Schnittführung und Konstruktion zu durchschauen und ehrfürchtig geschwärmt. Da gibt es immer wieder ganz wunderbare Ausstellungen und ich mag gar nicht daran denken, was wir in Wien (das wohl eine der größten Modesammlungen Europas besitzt) alles sehen könnten aber de facto nicht zu sehen bekommen, weil es kein Modemuseum gibt und sich von den Verantwortlichen niemand für Mode zu interessieren scheint (vielleicht, weil das eine weibliche Domäne ist und diese also solche als nicht ernst zu nehmend angesehen wird) Ich schweife ab. Was ich sagen wollte: Glaskastenausstellungen sind super, aber noch schöner ist es, wenn sie durch andere Formen der Präsentation ergänzt werden. Ich will von dreien berichten, die mich besonders beeindruckt haben.

1. Kleidung nach historischem Vorbild an echten Menschen- das Arbaer Freilichtmuseum in Reykjavik/Island
Im Arbaer Freilichtmuseum in Reykjavik (das ich ganz generell nur wärmstens empfehlen kann) gibt es nicht nur eine Glaskastenausstellung mit verschiedenen historischen Trachten (und Trachtenerfindungen ;-)) aus Island, die – wie soll ich sie nennen? “Aufseher” würde es am allerwenigstenn treffen – also: das durchwegs junge, entspannte “Museumspersonal” trägt ebenfalls Kleidungsstücke nach historischem Vorbild, und alle können auch etwas dazu sagen: was sie da tragen, aus welcher Zeit es stammt und welcher Schicht sie angehört hätten. Aber nicht irgendwie in Form eines langweiligen, auswendig gelernten Vortrags sondern wirklich nett und spannend.

Tochter der Pfarrers, um 1900, Arbaer Freiluftmuseum

Tochter der Pfarrers, um 1900, Arbaer Freiluftmuseum

Mit der jungen Frau auf dem Bild bin ich eine halbe Stunde in der Wiese gesessen, und sie hat mir erzählt, was sie da anhat, aber auch, wie das im Museum funktioniert mit dem Einkleiden (am Anfang bekommt man etwas, was jemand anders schon getragen hat, und wenn man dann lange genug dabei ist, wird einem ein Kostüm auf den Leib geschneidert, worauf dann alle sehr stolz sind) und welche Trachten heute noch zu welchen Gelegenheiten getragen werden. Wenn sie nicht gerade von neugierigen Besucherinnen wie mir belagert werden, verkaufen die jungen Leute im Museumsladen, spielen mit Besucherkindern, machen Skyr (eine Milchprodukt, ähnlich wie Yoghurt oder Topfen, ur-lecker und leider hier nirgends zu bekommen), lassen Kinder auf dem Museumspferd reiten oder improvisieren Popsongs auf dem verstimmten Museumsflügel.

Einfaches Frauengewand, Mitte 19. Jahrhundert, Arbaer Freilichtmuseum

Einfaches Frauengewand, Mitte 19. Jahrhundert, Arbaer Freilichtmuseum

2. Kleidung nach historisch Vorbildern zum selbst Anprobieren – das Gemeentemuseum in Den Haag
Das ebenfalls sehr empfehlenswerte (auch für nicht an Mode Interessierte- falls ich solche Leserinnen oder Leser überhaupt haben sollte ;-)) Gemeentemuseum in Den Haag hat zur Zeit eine spannende “Glaskastenausstellung”: zum Einfluss asiatischer Stoffe und Formen auf die europäische Mode verschiedener Jahrhunderte. Und dann git es noch die Wunderkammern, ein Museumsbereich eigentlich für Kinder und Jugendliche, aber manchmal bin ich gerne auch noch ein wenig Kind und entsprechend gut hat es mir auch dort gefallen. Die wunderbarste Wunderkammer hat sich bis fast zum Schluß vor mir versteckt: ein Raum mit feinstens gearbeiteten “Reproduktionen” (leicht abgeändert, um sie leichter und auch ohne die entsprechende Unterwäsche anziehen zu können) historischer Kleider aus verschiedenen Epochen, in verschiedenen Größen (für Kinder und Erwachsene) und alle in bezauberndstem, unschuldigen Weiß. Und das Allerschönste: man durfte die tatsächlich anprobieren. Ihr könnt Euch sicher vorstellen, das ich mich im 7. Kostümhimmel befunden habe.

Gemeentemuseum Den Haag, Wonderkamers

Gemeentemuseum Den Haag, Wonderkamers

Frl Notter im Glück

Frl Notter im Glück

3. Experimentieren mit neuen Formen – die Aktion “Stilbrise” des Museums für Kunst und Gewerbe in Hamburg
Mein Besuch im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe ist nun schon über eineinhalb Jahre her und auch dieses Museum kann ich nur wärmstens empfehlen: ich habe dort glaub 5 Stunden verbracht und dann haben sie zugesperrt, sonst wäre ich noch weitere 5 Stunden oder so dort geblieben ;-). Da gab es damals eine großartige Ausstellung zum “Mythos Chanel” und weil da das “kleine Schwarze” ja eine besondere Rolle spielt, hatten sie einen Raum, mit “Kleidungsstücken” (eher verschiedene “Stoffskulpturen”) aus schwarzem Neopren, die man sich ganz unterschiedlich anziehen konnte. Gedacht war das so, dass man sich darin fotografiert und die Bilder unter #stilbrise auf Instagram postet. Das mit Instagram habe ich nicht hinbekommen (bin schon froh, dass ich das mit dem Blog hier hinbekomme) aber die Bilder habe ich noch.

Jacke Stilbrise

Jacke Stilbrise


Vor allem der Rock aus den kreisförmigen Neoprenstücken hat es mir angetan. So einfach und doch so effektvoll. Ich glaub sowas muss ich mir mal nähen.
Rock Stilbrise

Rock Stilbrise

In allen drei Museen kann man Kleidung und Mode also nicht nur sehen, sondern auch anfassen und erleben und genau das ist es ja, was uns an Kleidung und Mode so fasziniert: was sie aus Leuten macht und wie wir uns fühlen, wenn wir sie tragen.
Wenn Ihr weitere Museen kennt mit spannenden Modeausstellungen und Kleidung zum Anfassen, freue ich mich sehr über Empfehlungen! Wenn ich wieder gesund bin, mag ich mir die alle mal anschauen- und bis dahin entwerfe ich im meinem Kopf überaus stilvolle Schlafanzughosen 😉

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9 thoughts on “Mode im Museum

  1. Das einzige Museum wo ich bisher interaktiv was an probieren durfte war das winzige Stadtmuseum in Neumarkt am Wallersee, die eine beeindruckende interaktive Hutkollektion haben. 🙂
    Mit ein paar Connections durfte ich auch mal in den Fundus, der voller 50er Jahre Kleidung ist. Schade, dass das nicht öffentlich gezeigt wird.

  2. Im Wien Museum war, vor vielen Jahren, auch mal eine Ausstellung in deren Rahmen man Biedemeierkleidung anprobieren konnte. Das war auch interessant. In Stockholm im Freilichtmuseum Skansen haben wir auch Museumspersonal in Originaltrachten erlebt. Zu Middsommar, das war auch ein Erlebnis, allerdings gab es nix zum Anprobieren.
    Wir sollen vielleicht unseren “ersten Bloggerausflug” ins MAK führen lassen 🙂 da gibt es eine Textilsammlung.
    (ohne Anprobieren)
    Vorläufig bleibt mir nur Gute Besserung zu wünschen!
    LG
    Teresa

    • Au das ist eine schöne Idee, machen wir das! Ich hab die Textilienausstellung kurz schon mit meinem Sohn gesehen aber würde sie mir gerne nochmals in Ruhe anschauen!!! Freu mich schon (noch ein Grund mehr, schnell wieder gesund zu werden!)
      Liebe Grüße und bis hoffentlich ganz bald

  3. Ich drücke mir auch immer die Nase an Glasscheiben platt, um die Stücke zu inspizieren. Besonders die 1910er sowie Rokoko Kleider – hach…
    Das Museum in Island klingt wirklich fantastisch. Ebenso das in Denhaag, das in Hamburg habe ich ja schon besucht (und sehr gemocht). Die anderen zwei muss ich dann wohl noch besuchen!
    Vielen Dank für die Inspiration und weiterhin gute Besserung
    Kathi

    • Ach, ja, die 1910er Jahre! Meine favorisierte Epoche was die Mode betrifft, so schön romantisch! Wusste gar nicht, dass Dir das auch so gut gefällt. Vielen Dank für Deinen lieben Kommentar.
      Liebe Grüße
      Frl Notter

      • Ja, da sind wundervolle Kleider dabei, aber ich mag lieber die, die etwas tailliert sind, als die die sehr flatternd sind.
        Liebe Grüße

  4. Wunderschöne und interessante Präsentation. Ich mag Modemuseen und Ausstellungen auch sehr. Dass man dort auch Kleider anprobieren kann, hab ich noch nicht erlebt. Tolle Idee. Übrigens “Skyr ” hab ich neulich bei Lidl gekauft, ist wirklich lecker. LG Agathe

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