Working Girl Sew Along: Theoretisches und die Schnitte

Interessant, wie sich die Diskussion rund um den Working Girl Sew Along entwickelt hat! Kleiderschmiede begründet, warum sie im Job keine Kleider tragen will “Ich bin noch ganz unten und will nach ganz oben. Dort, wo momentan die Frauenquote recht gering ist. Und dazu muss ich als Mensch wahrgenommen werden und nicht als Frau.”  Lotti vom Kamel im Nadelöhr macht sich Gedanken über die “Sexiness” ihrer Kleidung (Als Lehrerin wiederum sollte ich nicht allzu aufreizend angezogen sein, was für mich – wenn ich ehrlich bin – ein kleines Problem darstellt). Alex von Mamamachtsachen fragt: Wie weiblich darf Berufskleidung sein?. Ja und ich fühle mich offensichtlich nur dann stark und kompetent, wenn meine Kleidung maskuline Elemente enthält, aber nur dann “ich selbst” wenn sie feminin ist.

Herrenhemd und Knickerbocker

Herrenhemd und Knickerbocker

Scheint ein sehr relevantes Thema für uns “Working Girls” zu sein. Und das ist auch gut nachzuvollziehen: Die Arbeitswelt ist in den meisten Bereichen immer noch männlich geprägt, typische “Frauenberufe” sind häufig schlechter bezahlt (und auch innerhalb einer Branche werden Frauen schlechter bezahlt als Männer). Beides zusammen führt zum sogenannten Gender-Pay-Gap. Frauen haben es in vielen Bereichen noch immer schwer, ernst genommen zu werden, und nicht für die Assistentin (die, die für die Ordnung in der Kaffeeküche verantwortlich ist ;-)) gehalten zu werden. Liegt der Schluss nahe, dass es helfen könnte, sich maskuliner zu kleiden, um eben genau nicht mit jener Assistentin verwechselt zu werden.

Ein zweiter Aspekt ist in diesem Zusammenhang wichtig: Männer hatten in der langen Zeit, die sie schon die Kontors, Bureaus, Heil-und Lehranstalten und Amststuben bevölkern, offensichtlich Gelegenheit, Codes und Praktiken auch in Bezug auf ihre “Arbeitskleidung” zu entwickeln. Wir Frauen sind dort aus historischer Perspektive erst relativ kurz vertreten und haben deshalb noch keine Uniform entwickelt, sondern tragen stattdessen verschiedene Formen der Arbeitskleidung, die sich in irgendeiner Weise doch immer wieder auf die Männerkleidung beziehen, sei es, in dem sie sie kopieren (Hosenanzug und Hemdbluse), sei es, in dem sie sie weiblich uminterpretieren (strenges, schmales Etuikleid mit hohen Pumps) oder sei es, in dem sie jeden Versuch abwehren, überhaupt nach einem bewussten Akt des sich arbeistfein Machens auszusehen (siehe meine Beobachtung, dass sich Frauen in höheren Führungsebenen oft besonders legere kleiden). Und natürlich bezieht sich auch ein Frau, die sich bewusst feminin oder gar sexy kleidet, eventuell implizit auf diese männliche Norm, in dem sie sich ihr eben gerade nicht unterordnet.

Richtig raus kommen wir aus diesem Dingens (der Österreicher würde “Pallawatsch” dazu sagen) wohl nicht so bald, aber die folgenden zwei Punkte könnten eventuell helfen, den gedanklichen Raum etwas zu erweitern:

1. Weiblichkeit ist mit Sexiness, zumindest in ihrer offensichtlichen Form, nicht gleichzusetzen. Sich weiblich zu kleiden, bedeutet nicht, kurze Röcke, hautenge Kleider und tiefe Ausschnitte zu tragen. Ich kann alles dies nicht tun und trotzdem sehr feminin angezogen sein und wirken (also, ob ich das kann, weiß ich natürlich nicht, theoretisch möglich ist es aber ;-)) Sexiness ist wahrscheinlich tatsächlich im beruflichen Umfeld problematisch, aber wenn wir genau schauen gilt das auch für Männer. Seien wir ehrlich, selbst den gut gebauten jungen Kollegen aus dem Büro nebenan wollen wir dort nicht im Muskelshirt sehen. Und nicht umsonst wird in jedem Stilratgeber für Männer auf die Wichtigkeit des Tragens von Strümpfen hingewiesen (ja, genau, Kniestrümpfe, bitte keine Socken!) damit in keiner Situation das nackte Waderl zu sehen ist, und sei es noch so fesch.
Löst aber natürlich nicht die Frage, wie tief, kurz, freizügig noch OK ist.

Pelzkragen (feminin) und Hosenträger (maskulin)

Pelzkragen (feminin) und Hosenträger (maskulin)

2. Mir ist da was aus meinem (lange zurückliegenden) Psychologiestudium eingefallen: Maskulinität und Femininität müssen sich nicht ausschließen bzw. als Extrempole einer Dimension wahrgenommen werden. Sie können auch als unabhängige (orthogonale) Persönlichkeitsdimensionen aufgefasst werden. Sandra Bem tut das mit ihrem Sex Role Inventory, einem psychologisches Diagnoseverfahren (ein Persönlichkeitstest), das unabhängig voneinander feminine (Expressivität) und masuline (Instrumentalität) Rolleneigenschaften misst (mit aus heutiger Sicht etwas seltsam anmutenden Items). Wenn man auf beiden Skalen niedrige Werte erreicht, gilt man als neutral, erreicht man nur auf der feminin-Skala hohe Werte als feminin, bei hohen Werten auf der maskulin -Skala als maskulin, und wenn man eben auf beiden Skalen hohe Werte hat als androgyn. Da sowohl die femininen als auch die maskulinen Eigenschaften als positiv und stabilitätsförderlich angesehen werden, stellt Androgynität das Ideal dar. Vielleicht könnten man diese Theorie mit etwas Phantasie auch auf Stil und Kleidung übertragen: wie wäre es, gerade im beruflichen Umfeld zu versuchen, sich androgyn, also gleichzeitig so maskulin wie möglich und so feminin wir möglich zu kleiden. Wie das dann konkret aussehen könnte, ist natürlich eine ganz andere Frage 😉

Rock aus Männerstoff, Hemdbluse (mit Manschettenknöpfen!)

Rock aus Männerstoff, Hemdbluse (mit Manschettenknöpfen!)

So, nun zum ganz Praktischen. Für das Working Girl Sew Along habe ich drei feminine (aber nicht sexy ;-)) Schnitte ins Auge gefasst: die Burda Schößchen-Bluse aus 9/2014, den Gertie Wickelblazer von Butterick und Hollyburn, einen Rock den ich auch endlich haben möchte. Ich hoffe ich kann nächste Woche schon mir erste Musselins (hilfesuchend) an Euch wenden. Der weitere Plan sieht dann wie folgt aus:
Bis zum 4.10.: Bluse nähen
Bis zum 11.10.: Hollyburn nähen
Bis zum Finale: Wickeljacke nähen und wenn mir ganz fad sein sollte eine weitere Knickerbocker oder eine andere Hose
Jetzt schaue ich aber erst einmal, was die anderen so augesucht haben.

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18 thoughts on “Working Girl Sew Along: Theoretisches und die Schnitte

    • Heißt das Du stimmst auch aus der Nähe von Stuttgart? Oder lebst Du auch in Wien? Theresa vom Nahkaestchen kommt auch aus Wien und wir hatten schon mal über ein Wiener Naehbloggerinnentreffen nachgedacht, aber es hatte sich sonst niemand gemeldet…
      Liebe Grüße
      Frl. Notter

  1. Ich finde ja androgyn gekleidete Frauen extrem sexy …. 😉 Deinen Grundgedanken, dass uns Frauen schlicht die historische Strecke fehlt, um UNSERE Uniform zu finden, finde ich ausgesprochen interessant – wobei eine jetzt natürlich noch mal durch die Jahrhunderte gehen könnte, um zu schauen, was Frauen früher zum Arbeiten trugen. Denn gearbeitet haben sie ja auch.
    Ich denke ja, die “Statusanzeige” (for want of a better word) ist das größere Problem. Also wie klar kennzeichnen, dass eine NICHT die Assistentin ist. Das ist vermutlich in Bereichen mit sehr lockeren Codes noch schwieriger.

    • Ja, finde androgyne Mode auch sexy, aber eben nicht sexy im direkten Sinn (tiefer Ausschnitt etc.).
      Historische Arbeitskleidung der Frauen ist tatsächlich ein spannendes Thema. Meine Vermutung wäre, dass sie eben spezifisch zu den typischen “haushaltsnahen” Frauenberufen gepasst hat. Ja und die Status Anzeige ist tatsächlich ein Problem : eben weil es in der vielgestaltigen Frauenmode nicht nur eine Dimension (von legere bis sehr Business) sondern mehrere Dimensionen (schick, feminin, sexy, modisch etc.) gibt.
      Vielen Dank für Deinen interessanten Kommentar (und auch fürs twittern)

  2. Bei diesen schönen Bildern muss ich unwillkürlich an die Belle Epoque denken, oder an Fernsehserien wie “Mr Selfridge” … auf Deine Kleidung bin ich auf jeden Fall gespannt.

    • Lustig, die Belle Epoque ist tatsächlich “meine” Epoche. Offensichtlich zieht sich das bis in die Alltagskleidung (na ja, das Ensemble mit Pelz, das ich auf einer 20er Party getragen habe ist wohl eher nicht Alltagskleidung;-))

  3. Deine Gedanken zu der Thematik habe ich sehr gerne gelesen. Ich bin ja eindeutig eine Verfechterin von mehr Weiblichkeit in der beruflichen Frauenmode, weniger streng, mehr Farbe, mehr Lässigkeit – könnte ich mir auch in den Büros, Banken, … gut vorstellen. Wahrscheinlich ist das aber unrealistisch – da es gerade in diesem Bereich doch mehr Vorgaben und Dresscodes gibt. VG, Anni

  4. Ich bin sehr gespannt auf deine Kleidung. Finde deine Gedanken auch sehr interessant und auch wenn meine Kleidung ja immer sehr feminin ist, finde ich die Verbindung von beidem großartig und es steht dir fantastisch. Ich fände es generell sehr schön, wenn der Dresscode (wie er in den meisten Jobs ist) weniger farblos wäre – ein bisschen mehr als schwarz, weiß und hellrosa/-blau wäre doch ganz nett. 😀
    Liebe Grüße

    • Glücklicherweise ist unser Dresscode da sehr offen und ich könnte auch pink und grasgrün tragen. Tatsächlich gefallen mir aber schwarz und weiß an mir am allerbesten. Ich hab mal eine Zeit lang versucht, mich farbenfroher zu kleiden, weil mir da einige zugeredet haben und Stilberaterinnen ja auch gerne zu mehr Farbe raten aber letzten Endes war das dann nicht ich. Ich fühle mich in schwarz einfach wohl! Da muss man wohl seinem Herzen folgen (wie Du auch immer so schön mit Deinen Kleidern zeigst!)
      Liebe Grüße
      Frl. Notter

      • Das ist ja auch überhaupt nicht schlimm, wenn man (nur/hauptsächlich) schwarz und weiß trägt, weil man es mag, aber es immer schön, wenn Alternativen möglich sind. (: Ich bin ja, wie du weißt, nicht so der scharz-weiß Typ.
        Ganz genau. ♥
        Liebe Grüße

  5. Pingback: “Hochrad sexy”- oder ein Jahresrückblick | Blumen und Federn

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