Working Girl Sew Along- Ich muss leider aufgeben

Bettruhe erforderlich

Bettruhe erforderlich


Es sieht schlecht aus für den Working Girl Sew Along- ich muss leider aufgeben. Ich liege nun seit fast zwei Wochen mit hohem Fieber im Bett (Lungenentzündung? Grippe?), habe keinen Appetit und entsprechend kaum was gegessen. Ich nehme an, das hat Spuren an meinem Körper hinterlassen und irgenwelche Musselin-Anpassungen wären jetzt kaum sinnvoll-abgesehen davon, dass an Nähen, Schneiden und Stecken sowieso im Moment nicht zu denken ist. Da ich davon ausgehe, dass meine Genesung einige Zeit in Anspruch nehmen wird (wahnsinn, so krank war ich zuletzt als kleines Kind), habe ich mich schweren Herzens entschlossen, meine Working Girl Sew Along- Pläne aufzugeben (oder zumindest zu verschieben). Werde den Prozess bei den anderen aber natürlich weiterverfolgen und freu mich auf Eure Ergebnisse!

Working Girl Sew Along: Theoretisches und die Schnitte

Interessant, wie sich die Diskussion rund um den Working Girl Sew Along entwickelt hat! Kleiderschmiede begründet, warum sie im Job keine Kleider tragen will “Ich bin noch ganz unten und will nach ganz oben. Dort, wo momentan die Frauenquote recht gering ist. Und dazu muss ich als Mensch wahrgenommen werden und nicht als Frau.”  Lotti vom Kamel im Nadelöhr macht sich Gedanken über die “Sexiness” ihrer Kleidung (Als Lehrerin wiederum sollte ich nicht allzu aufreizend angezogen sein, was für mich – wenn ich ehrlich bin – ein kleines Problem darstellt). Alex von Mamamachtsachen fragt: Wie weiblich darf Berufskleidung sein?. Ja und ich fühle mich offensichtlich nur dann stark und kompetent, wenn meine Kleidung maskuline Elemente enthält, aber nur dann “ich selbst” wenn sie feminin ist.

Herrenhemd und Knickerbocker

Herrenhemd und Knickerbocker

Scheint ein sehr relevantes Thema für uns “Working Girls” zu sein. Und das ist auch gut nachzuvollziehen: Die Arbeitswelt ist in den meisten Bereichen immer noch männlich geprägt, typische “Frauenberufe” sind häufig schlechter bezahlt (und auch innerhalb einer Branche werden Frauen schlechter bezahlt als Männer). Beides zusammen führt zum sogenannten Gender-Pay-Gap. Frauen haben es in vielen Bereichen noch immer schwer, ernst genommen zu werden, und nicht für die Assistentin (die, die für die Ordnung in der Kaffeeküche verantwortlich ist ;-)) gehalten zu werden. Liegt der Schluss nahe, dass es helfen könnte, sich maskuliner zu kleiden, um eben genau nicht mit jener Assistentin verwechselt zu werden.

Ein zweiter Aspekt ist in diesem Zusammenhang wichtig: Männer hatten in der langen Zeit, die sie schon die Kontors, Bureaus, Heil-und Lehranstalten und Amststuben bevölkern, offensichtlich Gelegenheit, Codes und Praktiken auch in Bezug auf ihre “Arbeitskleidung” zu entwickeln. Wir Frauen sind dort aus historischer Perspektive erst relativ kurz vertreten und haben deshalb noch keine Uniform entwickelt, sondern tragen stattdessen verschiedene Formen der Arbeitskleidung, die sich in irgendeiner Weise doch immer wieder auf die Männerkleidung beziehen, sei es, in dem sie sie kopieren (Hosenanzug und Hemdbluse), sei es, in dem sie sie weiblich uminterpretieren (strenges, schmales Etuikleid mit hohen Pumps) oder sei es, in dem sie jeden Versuch abwehren, überhaupt nach einem bewussten Akt des sich arbeistfein Machens auszusehen (siehe meine Beobachtung, dass sich Frauen in höheren Führungsebenen oft besonders legere kleiden). Und natürlich bezieht sich auch ein Frau, die sich bewusst feminin oder gar sexy kleidet, eventuell implizit auf diese männliche Norm, in dem sie sich ihr eben gerade nicht unterordnet.

Richtig raus kommen wir aus diesem Dingens (der Österreicher würde “Pallawatsch” dazu sagen) wohl nicht so bald, aber die folgenden zwei Punkte könnten eventuell helfen, den gedanklichen Raum etwas zu erweitern:

1. Weiblichkeit ist mit Sexiness, zumindest in ihrer offensichtlichen Form, nicht gleichzusetzen. Sich weiblich zu kleiden, bedeutet nicht, kurze Röcke, hautenge Kleider und tiefe Ausschnitte zu tragen. Ich kann alles dies nicht tun und trotzdem sehr feminin angezogen sein und wirken (also, ob ich das kann, weiß ich natürlich nicht, theoretisch möglich ist es aber ;-)) Sexiness ist wahrscheinlich tatsächlich im beruflichen Umfeld problematisch, aber wenn wir genau schauen gilt das auch für Männer. Seien wir ehrlich, selbst den gut gebauten jungen Kollegen aus dem Büro nebenan wollen wir dort nicht im Muskelshirt sehen. Und nicht umsonst wird in jedem Stilratgeber für Männer auf die Wichtigkeit des Tragens von Strümpfen hingewiesen (ja, genau, Kniestrümpfe, bitte keine Socken!) damit in keiner Situation das nackte Waderl zu sehen ist, und sei es noch so fesch.
Löst aber natürlich nicht die Frage, wie tief, kurz, freizügig noch OK ist.

Pelzkragen (feminin) und Hosenträger (maskulin)

Pelzkragen (feminin) und Hosenträger (maskulin)

2. Mir ist da was aus meinem (lange zurückliegenden) Psychologiestudium eingefallen: Maskulinität und Femininität müssen sich nicht ausschließen bzw. als Extrempole einer Dimension wahrgenommen werden. Sie können auch als unabhängige (orthogonale) Persönlichkeitsdimensionen aufgefasst werden. Sandra Bem tut das mit ihrem Sex Role Inventory, einem psychologisches Diagnoseverfahren (ein Persönlichkeitstest), das unabhängig voneinander feminine (Expressivität) und masuline (Instrumentalität) Rolleneigenschaften misst (mit aus heutiger Sicht etwas seltsam anmutenden Items). Wenn man auf beiden Skalen niedrige Werte erreicht, gilt man als neutral, erreicht man nur auf der feminin-Skala hohe Werte als feminin, bei hohen Werten auf der maskulin -Skala als maskulin, und wenn man eben auf beiden Skalen hohe Werte hat als androgyn. Da sowohl die femininen als auch die maskulinen Eigenschaften als positiv und stabilitätsförderlich angesehen werden, stellt Androgynität das Ideal dar. Vielleicht könnten man diese Theorie mit etwas Phantasie auch auf Stil und Kleidung übertragen: wie wäre es, gerade im beruflichen Umfeld zu versuchen, sich androgyn, also gleichzeitig so maskulin wie möglich und so feminin wir möglich zu kleiden. Wie das dann konkret aussehen könnte, ist natürlich eine ganz andere Frage 😉

Rock aus Männerstoff, Hemdbluse (mit Manschettenknöpfen!)

Rock aus Männerstoff, Hemdbluse (mit Manschettenknöpfen!)

So, nun zum ganz Praktischen. Für das Working Girl Sew Along habe ich drei feminine (aber nicht sexy ;-)) Schnitte ins Auge gefasst: die Burda Schößchen-Bluse aus 9/2014, den Gertie Wickelblazer von Butterick und Hollyburn, einen Rock den ich auch endlich haben möchte. Ich hoffe ich kann nächste Woche schon mir erste Musselins (hilfesuchend) an Euch wenden. Der weitere Plan sieht dann wie folgt aus:
Bis zum 4.10.: Bluse nähen
Bis zum 11.10.: Hollyburn nähen
Bis zum Finale: Wickeljacke nähen und wenn mir ganz fad sein sollte eine weitere Knickerbocker oder eine andere Hose
Jetzt schaue ich aber erst einmal, was die anderen so augesucht haben.

Working Girl Sew Along: Zieldefinition

"communication line"

“communication line”


Alex von Mamamachtsachen hat sich wieder einen tolles Sew Along ausgedacht: wir nähen “Arbeitsgarderobe”. Dort wo ich arbeite (ja genau, das Bild zeigt tatsächlich “mein” Bürogebäude- falls jemand kennen sollte, bitte nichts verraten…) gibt es im Grunde nicht wirklich einen Dresscode. Manchmal gibt es Anweisungen vom “obersten Chef”, bei diesem oder jenem Anlass doch bitte “Business” zu tragen, was dann aber wiederum von den Angestellten recht frei interpretiert wird. Führungskräfte sind meist etwas besser angezogen, aber das trifft interessanterweise hauptsächlich auf männliche Führungskräfte zu, bei den Frauen scheint interessanterweise eher zu gelten: je höher auf der Karriereleiter desto casual (habt ihr bei Euch so etwas auch schon beobachtet?)
Trotzdem hätte ich gerne etwas richtig Schickes, z.B. für wichtige Termine, bei denen ich mich superstark und superkompetent fühlen möchte 🙂 Was stelle ich mir da vor?
Obwohl ich eine heimliche Vorliebe für klassische Herrenmode habe (eine Zeitlang war ich sogar in einem Männermodeforum aktiv- ich kann selbst nicht so genau sagen, warum) wohl eher keinen Hosenanzug, besonders deshalb, weil die schmalen Hosen, wie sie zur Zeit modern sind, nicht wirklich zu meiner Figur und zu meinem Stil passen. Ähnliches gilt für das klassische Etuikleid. Eher hatte ich an einen ausgestellten Rock mit einigermaßen taillierter Bluse und tailliertem Kurzblazer oder Wickeljacke gedacht. Weil das, was die Silhouette betrifft, nicht wirklich klassisch ist, sollen die Materialien umso klassischer sein: typische Anzug- und Hemdenstoffe in grau und schwarz und ein hochwertiger fester weiße Blusenstoffe (hellblau und rosa wären auch hübsch, stehen mir aber nicht). Das würde von den Farben auch gut zu meiner geplanten von arktischen Prinzessinnen inspirierte 😉 Herbst-/Wintergarderobe passen. Ich glaube in so etwas würde ich mich sowohl klassisch gut angezogen also auch stilistisch “zuhause” fühlen. Mal sehen , ob es gelingt.
Und jetzt gehe ich schauen, was die anderen “working girls” so planen.

Das Reformkleid ist fertig…und wohin mich das führt

Projekt Reformkleid

Projekt Reformkleid

Beim MeMadeMittwoch zeigen heute Nähbloggerinnen, welche selbst genähten Stücke ihnen im Urlaub besonders Freude gemacht haben. Da ich im August nicht weg war, möchte ich Euch stattdessen zeigen, was ich in den letzten Wochen fertig genäht habe und auch ein wenig drüber nachdenken, wohin mich die Näherei in den nächsten Monaten führen soll. Vor ziemlich langer Zeit hatte ich schon mal die Rohversion eines Reformkleides genäht (es war eines meiner ersten “Werke” überhaupt). Es passte nicht richtig, es hatte keinen Reißverschluss, es fehlten Ärmel und gesäumt war es auch noch nicht. So hing es dann über ein Jahr am Schrank und ich wusste nicht recht, was ich damit anfangen soll. Für den Sommer hatte ich mir ja vorgenommen, eine Nähpause zu machen oder zumindest weniger zu nähen, und da hat mich das Reformkleid plötzlich wieder angelacht. Ich habe einen Reißverschluss eingenäht, einige Nähte wieder aufgetrennt, um die Möglichkeiten des Prinzessschnittes bis zu den Grenzen der Nahtzugabe auszunutzen, den Rockteil gesäumt und Armausschnitte und Ausschnitt einfach (quick and dirty) mit Schrägband versäubert. Ärmel und alles andere was ein jahrhundertwendeadäquates Kleid gebraucht hätte, wollte ich da gar nicht mehr, ich fand es so wie es war- roh- interessant. Und dann habe ich mich an meine Bluse vom Weihnachtskleid erinnert und siehe da, sie passte drunter und gemeinsam mit schnell noch gezauberten Spitzenärmelabschlüssen hat mich das Ensemble tatsächlich ein wenig an dieses Flöge-Kleid erinnert.

Ja und dann wurde gepicknickt:

Picknick mit Bär

Picknick mit Bär

..mit Alice von aliciouslog sowie zwei adretten Herren, die es vorziehen anonym zu bleiben.

Reformkleid

Reformkleid

Reformkleid von hinten

Reformkleid von hinten

“wie früher”

Reformkleid (am Abend leicht in Auflösung)

Zu meiner Überraschung trage ich das Kleid (das alles andere als perfekt ist und sicher ziemlich “selbst genäht” aussieht) auch im Alltag. Ich mag daran, dass ich weiß, dass es auf Grundlage eines sehr alten Schnittes entstanden ist, dass es aber durch seine Schlichtheit durchaus auch was Modernes hat.

Reformkleid im Alltag

Reformkleid im Alltag

...mit Mängeln aber auch Potential

…mit Mängeln aber auch Potential

Und das bringt mich zu meinen Zukunftsplänen fürs Nähen. Immer nur moderne Schnitte 1:1 nachzunähen, interessiert mich nur bedingt (ich mag das eigentlich nur machen, wenn ich mir so etwas besonders Schönes exakt nach meinen Vorstellungen nähen kann, was ich nicht kaufen könnte), historische Schnitte möglichst historisch korrekt nachzuarbeiten, interessiert mich aber auch nur bedingt (mit der Grund, warum ich meine ambitionierten Pläne bezüglich des “Historical Sew Monthly” aufgegeben habe- weiß nicht, ob es jemand gemerkt hat ;-)). Schließlich mag ich die Sachen im Alltag und nicht nur zu irgendwelchen Kostümevents tragen. Was mir vorschwebt, ist das fortzusetzen und auszubauen, was ich beim Reformkleid gemacht habe: auszuprobieren, wie sich historische (oder auch andere ausgefallenere Schnittideen und -kombinationen) für “moderne” Kleidungsstücke verwenden lassen, um letzten Endes noch mehr “mein eigenes Ding” machen zu können. Vielleicht entsteht ja auf diesem Wege bereits was für meine “Eisprinzessinnen-Wintergarderobe” vielleicht aber auch erst einmal nur eine Serie von untragbaren Musselins, was auch völlig OK wäre.