5 Gründe warum ich mir kein Dirndl nähen werde..oder an den Wurzeln des Unbehagens

Um mich herum werden fleißig Dirndl genäht und getragen: hier eine Trachten-Hochzeit, dort ein Wiesen-, Wasen-, Oktober-Fest, hier ein Dirndl-Nähkurs dort ein Sew Along. Ich hatte als Kind ein Dirndl (mit 8/9 Jahren, ein blaues, mit Schultertuch) und ich habe es heiß geliebt. Und ich interessiere mich noch heute für traditionelle und historische Kleidung, mag lange Röcke und verzierten Blusen. Trotzdem habe ich – vor allem seitdem ich in Österreich lebe – sehr gemischte Gefühle gegenüber dem Dirndl. Ich mag mir heute weder ein Dirndl kaufen noch nähen. Eine Einladung zu einer Trachtenhochzeit würde mich wohl in Verlegenheit bringen bzw. mich zur Lederhose greifen lassen (renitentes Crossdressing?).

mein erstes (und letztes ?) Dirndl

mein erstes (und letztes ?) Dirndl

Ist das nur eine ästhetische Präferenz, kein Dirndl tragen zu wollen? Ich glaube nicht, denn im Grunde verbinde ich seit einiger Zeit ein Unbehagen damit, das über ein ästhetisches Unbehagen hinausgeht und da habe ich angefangen, ein wenig zu recherchieren. Aber seht selbst! Hier meine 5 Gründe, warum ich keine Dirndl nähen möchte.

1. Der erste Grund ist bei genauerer Betrachtung vielleicht gar keiner, aber es war lange Jahre das, was ich gedacht und gesagt habe, wenn ich gefragt wurde und mich gefragt habe, warum ich kein Dirndl möchte. Ich stamme aus einer Region in Baden-Württemberg, in der sich keine Tracht erhalten hat. Wenn ich ein Dirndl trüge, würde ich, dachte ich zumindest, etwas tun, was mir im Grunde nicht zusteht, und was denen, denen es zusteht, lächerlich erscheinen müsste wenn nicht sogar ein Stein des Anstoßes sein könnte (so ähnlich, wie ich an Fasching kein Nonnen-Habit und im Alltag kein afrikanisches Gewand tragen würde). Bei genauerer Betrachtung sind diese Bedenken aber wenig haltbar. Das sollte bei den nächsten Punkten klar werden.

2. Der zweite und auch der dritte Punkt beziehen sich auf die ich weiß nicht genau wie weit verbreitete Vorstellung, beim Dirndl, wie es heute getragen wird, handle es sich um die Jahrzehnte bis Jahrhunderte überlieferte traditionelle (Festtags-)Tracht des Alpenraums. Tatsächlich war das Dirndl ursprünglich Arbeitskleidung, wie sie von den weiblichen Bediensteten getragen wurde. Um 1870/1880 wurde es in Folge der Vorliebe Kaisers Franz Josefs für Dirndl und Lederhose (Jagdgewand) in Adelskreisen und im Großbürgertum beliebt (mehr Infos dazu hier). Dirndl hatten damit eine vergleichbare Funktion wie heute all die Landleben-, Landliebe-, Landlust-Magazine, die sich vor allem beim urbanen Bürgertum großer Beliebtheit erfreuen, uns das Bild eines idyllischen, naturnahen und heilen Landlebens vermitteln und dabei Landflucht, Zersiedelung, Schlafstädte und Autobahntrassen ausblenden. Der Adel feierte die ländliche Idylle und vergaß dabei wahrscheinlich meistens, dass sie nur allzu oft mit bitterer Armut verbunden war.

Trachtenbluse aus Tasovice (Jahrhundertwendezeit)

Trachtenbluse aus Tasovice (Jahrhundertwendezeit)

3. Was viele nicht wissen und was auch noch wenig erforscht und dokumentiert ist: auch der Nationalsozialismus bediente sich des Dirndls. Eine zentrale Rolle spielte dabei die Mittelstelle Deutsche Tracht in Innsbruck, deren Leiterin Gertrud Pesendorfer Trachtendarstellungen aus dem deutschsprachigen Raum und Europa zusammengetragen hat mit dem Ziel, eine einheitliche deutsche Tracht zu entwickeln. Die Zeit schreibt dazu in einem sehr lesenswerten Artikel: „Dirndln in der heutigen Erscheinungsform mit weißer Bluse und Betonung der Taille gelten als Erfindung dieser »Reichsbeauftragten für das deutsche Trachtenwesen«.“ Und diese Erfindung wirkt weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts unter anderem durch die unzählige Dirdl-Nähkurse, die Pesendorfer nach 1945 in Tirol gab, durch Pesendorfers Wirken als Beraterin von Trachtenvereinen und auch durch ihr 1965 erschienenes Buch „Lebendige Tracht in Tirol.“ Eine sehr gute und ausführliche Darstellung dazu findet sich im Magazin ECHO vom November 2013.

4. Dirndl, wie sie heute getragen werden, sind mit ihren weit ausgeschnittenen Blusen, der Betonung der Taille und ihren gebauschten Röcken Inbegriff des weiblichen wenn nicht gar sexy Kleidungsstücks. Irgendwie komme mir dabei immer Sprüche à la „da ist ein Mann noch ein Mann und ein Weib noch ein Weib“ in den Sinn und hey ich bin zwar eine Frau, aber hey ich bin aus dem Alter raus, in dem man glaubt, dass sich das durch irgendetwas, was man sich anzieht oder nicht anzieht, noch ändern könnte. Und ja: ich muss und möchte meine Weiblichkeit nicht in dieser Weise raushängen (sorry dieses Wortspiel konnte ich mir jetzt einfach nicht verkneifen) lassen (die ist eh dominant genug) . Klar ist auch die Möglichkeit, sich unhinterfragt freizügig kleiden zu können, eine feministische Errungenschaft, aber ich möchte diese Freiheit nicht in dieser Weise nutzen und es tut meiner „Weiblichkeit“ keinen Abbruch, wenn ich es nicht tue.

renitentes Crossdressing: Frl. Notter in Lederhosen

renitentes Crossdressing: Frl. Notter in Lederhosen

5. Das Tragen von Dirndl und Tracht ist heute in allen gesellschaftlichen Schichten und weltanschaulichen Gruppen zu beobachten, allerdings besonders häufig in konservativen und nationalen Kreisen (Wo wird die Heimatverbundenheit zur Heimattümelei?). Damit kann ich mich nicht identifizieren. Und mit einer Bierzeltkultur (dem zweiten Kumulationspunkt der Dirndl-Kultur) auch nicht. Deswegen wird das Dirndl wahrscheinlich nie mein Kleidungsstück werden.

Wichtige Schlussbemerkung: Ich möchte auf keinen Fall Dirndl-Näherinnen und Trägerinnen (z.B.im Rahmen des Sew Alongs) den Spaß am Dirndl verderben und schon gar nicht ihnen reaktionäre oder nationalistische Tendenzen unterstellen. Wir sind von vielen historischen Begebenheiten so weit weg, dass man textile Moden auch losgelöst davon einfach schön finden kann, bzw. noch besser: sie sich spielerisch aneignen kann (hier ein spannendes Interview dazu und zu allem vorher geschriebenen). Mir gelingt das aus den oben genannten Gründen eben (noch?) nicht.

Zweite nicht weniger wichtige Schlussbemerkung: Mir ist bewusst, dass nicht nur Dirndl und Tracht sondern alle Arten von Kleidung auch eine politisch-weltanschauliche Dimension haben. Als Besitzerin eines Näh-Blogs mit Hang zu figurbetonenden/figurformenden Moden, wie der der 50er oder der Jahrhundertwende, beäuge ich mich manchmal selbst kritisch und frage mich: Fräulein Notter, Sie bezeichnen sich als Feministin und dann nähen Sie sowas? Ich bin mir also durchaus meiner Selbstwidersprüchlichkeit bewusst.

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9 thoughts on “5 Gründe warum ich mir kein Dirndl nähen werde..oder an den Wurzeln des Unbehagens

  1. Vielen Dank für diesen Bericht. Ich kann allen Punkten (bis darauf das ich nicht in Baden-Würtenberg geboren bin sondern in Venezuela) vollkommen zustimmen. Ich habe zwar ein Dirndl habe aber ob dieser Überlegungen es höchstens 2x im Jahr an. Heuer, bisher zum Beispiel noch gar nicht. Ich überlege sehr genau bei welcher Gelegenheit ich das Dirndl trage um keine falschen Signale zu senden. Bekleidung ist eben nicht nur das Bedecken von nackter Haut sonder auch immer ein Statment und das nicht nur wenn man ein Dirndl trägt. Grad beim Dirndl ist das schade weil es eigentlich ein kleidsames Kleidungsstück ist.
    Es gibt ja auch andere Bekleidungsstück die deutliche Signale senden, auch positive. Leider fallen mir jetzt spontan keine positiven ein. Besonders bei Jugendlichen ist es doch oft gut an der Bekleidung zu erkennen welcher Gruppe sie angehören und wenn ich überlege auch bei allen anderen Leuten. Mit einem Blick zu erkennen mit wem man es zu tun hat und selten täuscht man sich aber manchmal doch.

    Ach, Du hast alle meine Bedenken perfekt niedergeschrieben aber ich will da etwas locker lassen, nicht vergessen, verdrängen oder ausblenden aber locker lassen.
    Liebe Grüße
    Teresa

  2. Lieber Teresa,
    vielen Dank für Deinen ausführlichen Kommentar. Er bedeutet mir sehr viel, da wir ja letzte Woche ein wunderschönes Dirndl an Dir bewundern durften, und ich Leute wie Dich keineswegs mit meinem Posting treffen/verletzen wollte. Ich bin sehr erleichtert, dass das offensichtlich gelungen ist. Ja, Du hast recht, “locker lassen” und zwar informiert locker lassen ist da sicher die beste Strategie (das ist mir auch schon von anderer Seite dazu gesagt worden ;-)), Vielen Dank, dass Du Dir die Zeit genommen hast, Deine Gedanken dazu zu teilen.
    Viele liebe Grüße
    Frl. Notter

  3. Pingback: MeMades in meiner Sommergarderobe | Blumen und Federn

  4. Ich habe persönlich nichts gegen das Dirndl, aber eben auch nichts dafür. Schon gar kein Selbstgenähtes, weil die zwei Mal wo ich eines anziehen würd, sind Hochzeiten. Einfach aus Respekt vor Dresscodes, weil ich bei meiner Hochzeit auch verärgert war über jeden der sich nicht daran gehalten hat.
    Und obwohl ich ein Dirndl als Kleidungsstück sehr schmuck finde, würde ich mich auch irgendwie komisch fühlen in einem, wie verkleidet und das obwohl ich aus Österreich komme. Ich habe sogar eine Tante, die nur Dirndl trägt, aber sie macht mit ihrer politischen Einstellung bei mir auch keine Werbung für das Kleidungsstück. Und diese Einstellung ist auch mein Hauptproblem mit dem Dirndl, weil jedesmal wenn ich random einen mit Tracht rumlaufen sehe, wird kurz später ein deutlich rechter Spruch nachgeschoben.

    • Liebe Dalia,
      vielen Dank für Deinen ausführlichen Kommentar! Sehr interessant ist tatsächlich der Punkt der “Trachtenhochzeiten” bzw. generell der Dresscodes bei Hochzeiten. Generell würde auch ich versuchen, Dresscodes bei Hochzeiten möglichst zu befolgen (ich “verkleide ” mich eh gerne), sehe sie teilweise aber auch kritisch, nämlich dann, wenn sie so spezifisch und einengend sind, dass die Hochzeitsgäste zu Statisten fürs möglichst stilvolle Hochzeitsbild werden. Aber das ist vielleicht mal ein extra Blogpost wert 😉
      Liebe Grüße
      Frl. Notter
      PS: Würde ich jetzt zu einer Trachtenhochzeit eingeladen, würde ich wahrscheinlich die Kombination auf dem zweiten Bild tragen (langer Rock mit historischer Trachtenbluse)

  5. Besonders dein vierter Punkt und dein Schlusswort sprechen mir aus dem Herzen (die anderen Hintergründe sind aber wirklich auch sehr interessant). Ich versuche ja auch Feminismus und Kleidung, die von den 50ern inspiriert ist, aber ich habe einfach das Gefühl, dass es bei den meisten, die sich mit der Kleidung dieser Zei beschäftigen, auch ein Interesse an der Zeit und der Emanzipation der Freu vorhanden ist. Und genau das liebe ich daran.
    Ich persönlich mag Dirndl aber auch einfach nicht, weil ich mich nicht mit ihnen identifizieren kann, für mich sind sie einfach konservativ, traditionell und die Dirndl, die nicht klassisch sind (also die weit über dem Knie aus billigen, glänzenden Stoffen), gefallen mir eben nicht. Aber wer Dirndl tragen möchte, sollte das tun, niemand sollte anderen Kleidung vorschreiben, und man natürlich auch nicht jeden Trachten-Trägen einen einen Topf werfen kann.
    Liebe Grüße

  6. Liebe Kathi,
    nachdem ich gestern Deinen tollen Text zur Frage, inwiefern (Vintage-)Kleidung politisch ist, gelesen habe, habe ich ehrlich gesagt gehofft, dass Du herfindest und etwas dazu schreibst, denn genau darum geht es: inwiefern ist Kleidung politisch und wie gelingt sich ggf. (wenn man einem einem bestimmten Kleidungsstück oder einer bestimmten Mode gefallen gefunden hat) von einer bestimmten Bedeutung zu emanzipieren?
    Ich habe dieselbe Beobachtung gemacht wie Du: in der Regel sind die Vintage-Leute ziemlich emanzipiert und beziehen sich durchaus auch kritisch, auf die Zeit, derer sie sich modisch bedienen. Bei den Dirndln ist es eher durchmischter habe ich das Gefühl, aber Du hast vollkommen recht: man muss in jedem Einzelfall prüfen, ob man nicht etwa doch ungerechtfertigte Vorurteile hat.
    Eine für mich interessante Frage wäre: woher kommt das Revival der “femininen” Mode, wenn sie offensichtlich für die Leute, die sie tragen, meist keine politische Bedeutung hat? Vielleicht gehen wir diesem Punkt ja mal noch näher nach. Würde mich freuen, noch mehr von dir dazu zu lesen!
    Liebe Grüße
    Frl. Notter

  7. Wunderbarer Blogpost – ich muss sagen ich liebe Dirndl. Eine kritische Auseinandersetzung mit den vermeintlichen Trachten findet aber meist nicht statt. Woher auch? Die wenigsten Menschen interessieren sich für den historischen oder politischen Kontext von Kleidung.
    Wie man an den Wahlergebnissen in letzter Zeit sehen kann. Anscheinend ist der Teil mit “aus der Geschichte lernen” auch weniger verbreitet, als ich das noch vor ein paar Jahren dachte.
    LG
    Steph

  8. Pingback: Oktoberfest Craze: Dirndl-Love in Venice | Miss Kittenheel

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