MeMades in meiner Sommergarderobe

Beim MeMadeMittwoch zeigen heute Nähbloggerinnen, was sie in ihre Urlaubskoffer packen. Ich war bereits weg und fahre dann erst wieder im September, deswegen zeige ich Euch stattdessen, welche MeMades sich momentan in meiner Sommergarderobe befinden.

Da wäre zunächst einmal mein absoluter Sommerhit: mein Annika-Faltenrock. Ich trage ihn viel und gerne und er durfte als einziges MeMade sogar mit nach Island (dort dann natürlich mit Strumpfhose und Stiefeln).

Faltenrock

Faltenrock

Dann gibt es das lange blaue Kleid, das im Rahmen des Spring Style Along entstanden ist. Ich trage es nicht so häufig und nur dann wenn es kühler ist und ich es mit einem Oberteil kombinieren kann, ansonsten ist es mir zu festlich.

das blaue Kleid (Vogue 8779)

das blaue Kleid (Vogue 8779)

Ein überraschender Neuzugang in meine Sommer Capsule Wardrobe ist mein schwarzes Wickelkleid. Die Hitzewelle der vergangenen Tage und Wochen hat einfach nach einem weiteren Sommerkleid zum Wechseln verlangt und irgendwie hat mich der Wickelkleid-MeMadeMittwoch inspiriert, das Kleid doch wieder häufiger zu tragen.

Wickelkleid V8784

Wickelkleid V8784

Der letzte Neuzugang stellt man Hochrad-Rock dar. Ich habe ihn letztes Jahr in Form von einzelnen Schnitteilen in meinem Koffer gepackt

Hochrad-Rock

Hochrad-Rock

und dieses Jahr komme ich endlich dazu, in häufiger zu tragen und auch mal hier vorzustellen.

die Hochräder des Hochradrocks

die Hochräder des Hochradrocks

Nichts Besonderes aber schön luftig und leicht.

Ja, und sollte es in den nächsten Tagen plötzlich mit der Hitze vorbei sein und uns ein kühler und regnerischer August erwarten, dann werde ich vielleicht ab und an auf meinen langen schwarzen Rock zurückgreifen, den ich im Rahmen meiner Dirndl-Diskussion schon gezeigt habe.

Jahrhundertwende-Rock

Jahrhundertwende-Rock

5 Gründe warum ich mir kein Dirndl nähen werde..oder an den Wurzeln des Unbehagens

Um mich herum werden fleißig Dirndl genäht und getragen: hier eine Trachten-Hochzeit, dort ein Wiesen-, Wasen-, Oktober-Fest, hier ein Dirndl-Nähkurs dort ein Sew Along. Ich hatte als Kind ein Dirndl (mit 8/9 Jahren, ein blaues, mit Schultertuch) und ich habe es heiß geliebt. Und ich interessiere mich noch heute für traditionelle und historische Kleidung, mag lange Röcke und verzierten Blusen. Trotzdem habe ich – vor allem seitdem ich in Österreich lebe – sehr gemischte Gefühle gegenüber dem Dirndl. Ich mag mir heute weder ein Dirndl kaufen noch nähen. Eine Einladung zu einer Trachtenhochzeit würde mich wohl in Verlegenheit bringen bzw. mich zur Lederhose greifen lassen (renitentes Crossdressing?).

mein erstes (und letztes ?) Dirndl

mein erstes (und letztes ?) Dirndl

Ist das nur eine ästhetische Präferenz, kein Dirndl tragen zu wollen? Ich glaube nicht, denn im Grunde verbinde ich seit einiger Zeit ein Unbehagen damit, das über ein ästhetisches Unbehagen hinausgeht und da habe ich angefangen, ein wenig zu recherchieren. Aber seht selbst! Hier meine 5 Gründe, warum ich keine Dirndl nähen möchte.

1. Der erste Grund ist bei genauerer Betrachtung vielleicht gar keiner, aber es war lange Jahre das, was ich gedacht und gesagt habe, wenn ich gefragt wurde und mich gefragt habe, warum ich kein Dirndl möchte. Ich stamme aus einer Region in Baden-Württemberg, in der sich keine Tracht erhalten hat. Wenn ich ein Dirndl trüge, würde ich, dachte ich zumindest, etwas tun, was mir im Grunde nicht zusteht, und was denen, denen es zusteht, lächerlich erscheinen müsste wenn nicht sogar ein Stein des Anstoßes sein könnte (so ähnlich, wie ich an Fasching kein Nonnen-Habit und im Alltag kein afrikanisches Gewand tragen würde). Bei genauerer Betrachtung sind diese Bedenken aber wenig haltbar. Das sollte bei den nächsten Punkten klar werden.

2. Der zweite und auch der dritte Punkt beziehen sich auf die ich weiß nicht genau wie weit verbreitete Vorstellung, beim Dirndl, wie es heute getragen wird, handle es sich um die Jahrzehnte bis Jahrhunderte überlieferte traditionelle (Festtags-)Tracht des Alpenraums. Tatsächlich war das Dirndl ursprünglich Arbeitskleidung, wie sie von den weiblichen Bediensteten getragen wurde. Um 1870/1880 wurde es in Folge der Vorliebe Kaisers Franz Josefs für Dirndl und Lederhose (Jagdgewand) in Adelskreisen und im Großbürgertum beliebt (mehr Infos dazu hier). Dirndl hatten damit eine vergleichbare Funktion wie heute all die Landleben-, Landliebe-, Landlust-Magazine, die sich vor allem beim urbanen Bürgertum großer Beliebtheit erfreuen, uns das Bild eines idyllischen, naturnahen und heilen Landlebens vermitteln und dabei Landflucht, Zersiedelung, Schlafstädte und Autobahntrassen ausblenden. Der Adel feierte die ländliche Idylle und vergaß dabei wahrscheinlich meistens, dass sie nur allzu oft mit bitterer Armut verbunden war.

Trachtenbluse aus Tasovice (Jahrhundertwendezeit)

Trachtenbluse aus Tasovice (Jahrhundertwendezeit)

3. Was viele nicht wissen und was auch noch wenig erforscht und dokumentiert ist: auch der Nationalsozialismus bediente sich des Dirndls. Eine zentrale Rolle spielte dabei die Mittelstelle Deutsche Tracht in Innsbruck, deren Leiterin Gertrud Pesendorfer Trachtendarstellungen aus dem deutschsprachigen Raum und Europa zusammengetragen hat mit dem Ziel, eine einheitliche deutsche Tracht zu entwickeln. Die Zeit schreibt dazu in einem sehr lesenswerten Artikel: „Dirndln in der heutigen Erscheinungsform mit weißer Bluse und Betonung der Taille gelten als Erfindung dieser »Reichsbeauftragten für das deutsche Trachtenwesen«.“ Und diese Erfindung wirkt weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts unter anderem durch die unzählige Dirdl-Nähkurse, die Pesendorfer nach 1945 in Tirol gab, durch Pesendorfers Wirken als Beraterin von Trachtenvereinen und auch durch ihr 1965 erschienenes Buch „Lebendige Tracht in Tirol.“ Eine sehr gute und ausführliche Darstellung dazu findet sich im Magazin ECHO vom November 2013.

4. Dirndl, wie sie heute getragen werden, sind mit ihren weit ausgeschnittenen Blusen, der Betonung der Taille und ihren gebauschten Röcken Inbegriff des weiblichen wenn nicht gar sexy Kleidungsstücks. Irgendwie komme mir dabei immer Sprüche à la „da ist ein Mann noch ein Mann und ein Weib noch ein Weib“ in den Sinn und hey ich bin zwar eine Frau, aber hey ich bin aus dem Alter raus, in dem man glaubt, dass sich das durch irgendetwas, was man sich anzieht oder nicht anzieht, noch ändern könnte. Und ja: ich muss und möchte meine Weiblichkeit nicht in dieser Weise raushängen (sorry dieses Wortspiel konnte ich mir jetzt einfach nicht verkneifen) lassen (die ist eh dominant genug) . Klar ist auch die Möglichkeit, sich unhinterfragt freizügig kleiden zu können, eine feministische Errungenschaft, aber ich möchte diese Freiheit nicht in dieser Weise nutzen und es tut meiner „Weiblichkeit“ keinen Abbruch, wenn ich es nicht tue.

renitentes Crossdressing: Frl. Notter in Lederhosen

renitentes Crossdressing: Frl. Notter in Lederhosen

5. Das Tragen von Dirndl und Tracht ist heute in allen gesellschaftlichen Schichten und weltanschaulichen Gruppen zu beobachten, allerdings besonders häufig in konservativen und nationalen Kreisen (Wo wird die Heimatverbundenheit zur Heimattümelei?). Damit kann ich mich nicht identifizieren. Und mit einer Bierzeltkultur (dem zweiten Kumulationspunkt der Dirndl-Kultur) auch nicht. Deswegen wird das Dirndl wahrscheinlich nie mein Kleidungsstück werden.

Wichtige Schlussbemerkung: Ich möchte auf keinen Fall Dirndl-Näherinnen und Trägerinnen (z.B.im Rahmen des Sew Alongs) den Spaß am Dirndl verderben und schon gar nicht ihnen reaktionäre oder nationalistische Tendenzen unterstellen. Wir sind von vielen historischen Begebenheiten so weit weg, dass man textile Moden auch losgelöst davon einfach schön finden kann, bzw. noch besser: sie sich spielerisch aneignen kann (hier ein spannendes Interview dazu und zu allem vorher geschriebenen). Mir gelingt das aus den oben genannten Gründen eben (noch?) nicht.

Zweite nicht weniger wichtige Schlussbemerkung: Mir ist bewusst, dass nicht nur Dirndl und Tracht sondern alle Arten von Kleidung auch eine politisch-weltanschauliche Dimension haben. Als Besitzerin eines Näh-Blogs mit Hang zu figurbetonenden/figurformenden Moden, wie der der 50er oder der Jahrhundertwende, beäuge ich mich manchmal selbst kritisch und frage mich: Fräulein Notter, Sie bezeichnen sich als Feministin und dann nähen Sie sowas? Ich bin mir also durchaus meiner Selbstwidersprüchlichkeit bewusst.